Schweizer Brauchtum und Volksfeste
Innerschweiz
Alltag, Fest und Wettkampf - Geschichte
Von Ruedi
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Wie überall im Mittelalter, wird sich auch in der Innerschweiz der Alltag im Rahmen des den Jahreszeiten angepassten Tagewerks abgespielt haben. Verrichtungen, welche die elementaren Lebensbedürfnisse zu decken hatten, bestimmten den Tagesrhythmus: das Kochen, Heizen, Wasserholen, Holzspalten, das Essen und Trinken und schliesslich das Schlafen - alles begleitet von den sakralen Riten, die im religiösen Brauchtum verwurzelt waren. Je nach Stand und Stellung füllten landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten den Tag aus, in Haus und Hof, in Wald und Feld. Auf die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen haben wir in anderm Zusammenhang bereits hingewiesen. Für die breite Bevölkerung vollzog sich das Alltagsleben im engen Bereich des Hofs, des Dorfs, allenfalls der Talschaft oder der Alp. Reisen in die Fremde, zu der bereits Luzern, Zug und Zürich gehörten, erst recht nach Basel oder gar nach Mailand, blieben Landsleuten mit besondern Aufgaben und Berufen vorbehalten, etwa den Viehtreibern, den Säumern und den Schiffern. Marktbesuche galten nicht nur dem Verkauf eigener Produkte, sondern auch der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern.

Die Kontakte mit den auswärtigen Grundherren und Klöstern wickelten sich meist über die im Land selbst ansässigen Dienst- und Amtsleute ab. Innerschweizer Untertanen oder Gotteshausleute werden die fernen Burgen und Klöster ihrer Grund- und Schirmherren nur in Ausnahmefällen je zu Gesicht bekommen haben. Manche Bewohner der obern Talstufen sahen vielleicht während ihres ganzen Lebens den Vierwaldstättersee nie oder nur ganz selten. Angesichts dieser Bindung der Bevölkerung an den engen Lebensraum des Alltags bedeutete die Beteiligung der kriegerischen Jungmannschaft am Solddienst, der im 13. Jahrhundert bis in die Ostschweiz, ins Elsass und vielleicht bis nach Oberitalien führte, einen eigentlichen Ausbruch aus den heimatlichen Gefilden. Einen solchen bot auch die Pilgerreise, die aber wohl nur auf Wallfahrtsorte im weitern Einzugsbereich der Innerschweiz begrenzt blieb, auf Einsiedeln und allenfalls auf Zurzach.

Die im Land ansässige Oberschicht, die mit der Wahrung der Herrschaftsrechte, der Verwaltung des eigenen und belehnten Guts sowie der Ausübung richterlicher Funktionen beschäftigt war und sich an der landwirtschaftlichen Produktion zum mindesten mitbeteiligte, verfügte dank dem Gesinde, das einen erheblichen Teil der täglich anfallenden Arbeit zu übernehmen hatte, über mehr Freizeit und damit über mehr Mobilität als das breite, an die Verpflichtungen des Tagewerks gebundene Volk. Wir begegnen den Angehörigen der Oberschicht oft in Luzern, Zürich und in noch weiter entfernten Orten, meist in geschäftlichen Angelegenheiten oder in Rechtssachen.

Die Mussezeit verbrachten die Angehörigen der Oberschicht gerne mit sportlichem Jagen und Fischen, häufiger als meist angenommen auch mit der Pflege der ritterlichen Kultur, wovon noch zu berichten ist. Gewisse spielerische Beschäftigungen zum Ausfüllen der arbeitsfreien Zeit waren offenbar bei allen Bevölkerungsschichten verbreitet. Dazu zählte etwa das Musizieren mit der Maultrommel, einem einfachen, leicht mitzuführenden Instrument, das archäologisch in der Innerschweiz auf den Burgen und auf den bäuerlichen Siedlungen belegt ist. Brettspiele wie Schach und Tricktrack blieben dagegen auf die Oberschicht beschränkt. Wann das bei den spätmittelalterlichen Reisläufern zur Sucht gewordene Würfelspiel in der Innerschweiz aufkam, wissen wir nicht.

Aus dem Alltag mit seiner Eintönigkeit, seiner Mühsal und seinen bescheidenen Zerstreuungen hob sich das Fest heraus, das nicht nur Abwechslung und Unterhaltung versprach, sondern auch einen Ausnahmezustand mit grössern Freiheiten, sich in jeder Hinsicht auszutoben, verkörperte. Über den mittelalterlichen Festbetrieb in der Innerschweiz liegen allerdings keine sichern und direkten Nachrichten vor. Dass es eine Festkultur gegeben haben muss, steht aber ausser Zweifel, sonst wären die Innerschweizer des 13. und 14. Jahrhunderts - ausgerechnet sie - das einzige Volk auf Erden gewesen, dem eine solche unbekannt geblieben wäre.

Bei Rückschlüssen von spätere Jahrhunderten aus auf Zustände im Hochmittelalter ist gewiss stets besondere Vorsicht geboten, und was wir an Nachrichten über das ausgelassene Festtreiben der Innerschweizer aus der Zeit um 1500 besitzen, darf nicht unbesehen auf das 12. oder 13. Jahrhundert übertragen werden. Umgekehrt besteht kein Grund zurAnnahme, gewisse Formen des Festlebens, zu denen etwa das Schmausen, das Saufen und das Tanzen sowie der Wettkampf gehörten, könne es im Hochmittelalter noch nicht gegeben haben, bloss weil die gesicherten Belege erst im Verlauf des 15. Jahrhunderts einsetzen. In Luzern wird bereits um 1300 das Abhalten gewisser Spiele und Wettkämpfe auf dem Friedhof untersagt, vor allem das Kegeln, das Schiessen und das Steinstossen, vermutlich auch das Ringen.

Dieses wurde im Mittelalter in der Form des Kleiderringens ausgetragen, bei dem der Gegner an den Gewandfalten festgehalten wurde, was als Frühform des seit dem 16. Jahrhundert aufkommenden Schwingens betrachtet werden kann. Die mittelalterliche Darstellung eines Ringerpaars aus dem 13. Jahrhundert findet sich als Schnitzrelief am Chorgestühl der Kathedrale von Lausanne. Die in Luzern um 1300 wohl mit geringem Erfolg verbotenen Wettkämpfe begegnen uns mit Ausnahme der Ritterspiele um 1500 wieder in Einsiedeln. Der Luzerner Chronist Diebold Schilling berichtet von Schweizer Söldnern, die 1508 in Einsiedeln auf das Eintreffen der kaiserlichen Soldzahlungen warteten und sich die Zeit mit Wettkämpfen vertrieben. Die Illustration zeigt Ringen, Steinstossen, Weitsprung aus dem Stand und den Wettlauf. Das ganze Spielgeschehen fand auf dem Schiess- und Versammlungsplatz statt.

Das Abhalten von Wettkämpfen an einem Wallfahrtsort erinnert uns an eine Stelle in der Strättliger Chronik aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, die von Wettkämpfen, Tanzvergnügungen und Schmausereien an den Kirchweihfesten des 13. Jahrhunderts beim Wallfahrtskirchlein von Einigen bei Spiez berichtet. Da zwischen dem Thunersee und der Innerschweiz im Hochmittelalter herrschaftliche und wohl auch kulturelle Kontakte bestanden, klingt die Vermutung, die zu Ehren der Patronatsheiligen abgehaltenen Kirchweihfeste der Innerschweiz, von denen die Quellen wiederholt berichten, seien von Wettkämpfen und Tanzvergnügungen begleitet gewesen, eigentlich einleuchtend. Dass auch in den Zwölf Nächten zwischen Weihnachts- und Dreikönigstag sowie zur Fastnachts-, Oster- und Pfingstzeit gefeiert wurde, ist kaum zu bezweifeln. Denkbar bleibt, dass gerade an diesen Festterminen im Jahreslauf neben Wettkämpfen mit offenem Ausgang auch ritualisierte Scheingefechte stattfanden, wie sie für das ausgehende Mittelalter aus Luzern überliefert sind. Zu solchen Spielen gehörte auch das Erstürmen fiktiver Burgen, sei es von Attrappen oder von Ruinen, was möglicherweise in den Chronikberichten des ausgehenden Mittelalters über den Innerschweizer Burgenbruch Erwähnung fand.

Interessante, bisher wenig beachtete Spuren ehemaligen Fest- oder Wettkampftreibens haben sich in gewissen Flurnamen erhalten: Eine «Spilstat», das heisst ein Spielplatz, ist für Kerns urkundlich seit 1399 bezeugt. Es handelt sich um die Stätte, wo der Landammann öffentlich zu Gericht sass. Der Name rührt entweder von rechtsverbindlichen Zweikämpfen her oder - was wahrscheinlicher ist - von Lustbarkeiten, die im Rahmen solcher Gerichtstage abgehalten wurden. Auch in Schattdorf, in der Nähe des ehemaligen Landsgemeindeplatzes von Uri, gibt es eine «Spilmatt». Auffallenderweise finden sich derartige Bezeichnungen aber nicht nur in der Umgebung von Gerichts- oder Tagungsorten, sondern auch in abgelegenen Alpregionen, häufig an Übergängen, auf ebenen Plätzen, an zentralen Stellen, wo die Pfade von mehreren Alpen zusammentreffen. Ausser einem «Spilplatz» auf der heute ganz einsamen Ruosalp und einer «Tanzplatte» im Meiental finden wir wiederholt die Bezeichnung «Steinstössi», was doch wohl auf nichts anderes hinweisen kann als auf den bei den Älplern beliebten Wettkampf des Steinstossens. Wie alt diese Flurnamen sind, ist eine andere Frage. Längst nicht alle müssen bis ins Mittelalter zurückreichen, einzelne sind aber urkundlich bereits im 14. oder 15. Jahrhundert bezeugt. An diesen Stellen mögen sich schon im 12. oder 13. Jahrhundert die Sennen und Hirten im Steinstossen und Ringen gemessen haben.

Autor: Werner Meyer
1291 - Die Geschichte - Die Anfänge der Eidgenossenschaft
Silva-Verlag Zürich


Werner Meyer
Geboren 1937 in Basel. Nach Abschluss des Universitätsstudiums in Basel mehrjährige Tätigkeit als Gymnasiallehrer, daneben historische und archäologische Forschungen. 1970 Habilitation an der Universität Basel, Ernennung zum ausserordentlichen Professor.-Zahlreiche Publikationen im Bereich der mittelalterlichen Geschichte und Archäologie, vor allem in Burgenkunde und in kulturhistorischen Themen. 1977 Verleihung des Wissenschaftspreises der Stadt Basel. Seit 1989 Inhaber einer beamteten Dozentur für allgemeine und Schweizer Geschichte des Mittelalters.



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