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Schweizer Brauchtum und Volksfeste Stadt Basel Vogel Gryff im Kleinbasel |
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Je nach vorsitzender Gesellschaft am 13., 20. oder 27. Januar; fällt das Datum auf einen Sonntag: Am Samstag davor. Flossfahrt des Wilden Mannes etwa 10.30 Uhr; Landung Im Kleinen Klingental 11 Uhr, Tanz auf der Mittleren Rheinbrücke 12 Uhr. Tänze am Nachmittag und Abend nach Programm. Freinacht in den Gaststätten. Einmal im Jahr, abwechselnd am 13., 20. oder 27. Januar, wird Kleinbasel, die «mindere» Stadt rechts vom Rhein, zum stolzen, eigenständigen Gemeinwesen, wie das vor dem Jahr 1392 der Fall war. Schon am frühen Morgen wehen die Fahnen der Kleinbasler Ehrengesellschaften an den Häusern, und um neun Uhr heisst es: «Ueli ab uff dGass!». Aus dem Café Spitz, wo sich früher das Kleinbasler Rathaus befand, hüpfen vier Ueli (Narren im farbgeteilten Kostüm mit weisser Larve) auf die Strasse hinaus und sammeln in ihren Büchsen Geld, das armen Leuten im Kleinbasel zugute kommt. Wenig später tritt auch der Wilde Mann aus dem Haus und wird nun zu seinem Horst, einer Fischerhütte bei der Schwarzwaldbrücke, gefahren. Dort steht ein breites Floss, bestückt mit zwei Kanonen, für ihn bereit. Etwa um 10.30 Uhr, je nach Wasserstand des Rheins, beginnt der Wilde Mann seine Talfahrt. Unter unablässigem Trommelklang tanzt er nach altüberliefertem Ritual, ein entwurzeltes Tännchen fortwährend drehend und Grossbasel strikt den Rücken zukehrend. Mächtige Böllerschüsse lassen die Häuserreihen beidseits des Rheins erzittern. Eine fröhliche Horde von Kindern und Erwachsenen begleitet die Fahrt der Rheinpromenade entlang, und wenn das Floss unter der Mittleren Brücke durchfährt, steht auch dort schon eine erwartungsfrohe Menge bereit. Beim Kleinen Klingental, dem ehemaligen Frauenkloster, legt das Floss an, und der Wilde Mann wird von den beiden andern Ehrenzeichen, dem Vogel Gryff und dem Leu, empfangen. Die vereinten Tiere tanzen jetzt, vorerst einzeln nach individuellem Trommelrhythmus, und dann gemeinsam die überlieferten Tänze. Dann geht's auf den Weg zur Mittleren Brücke, wo sie Punkt 12 Uhr beim Käppelijoch (Kapelle, die die Grenze zum Grossbasel markiert) noch einmal ihren eindrücklichen Tanz vorführen. Inzwischen sind, vom Publikum fast unbemerkt, die rund 450 Gesellschaftsbrüder in dunklen Anzügen zur Messe Basel losgezogen, wo sie im Festsaal ihr ausgedehntes Gryffemöhli abhalten. Frauen haben dabei nichts zu suchen, es sei denn in Gestalt von Serviererinnen! Doch so ganz einseitig scheinen die Machtverhältnisse nicht zu sein. Den Gesellschaftsbrüdern wird jedenfalls am Abend eine auserlesene Süssigkeit, das «Drachenfutter», mitgegeben, mit dem sie bei der Heimkehr zu vorgerückter Stunde ihre Ehefrauen besänftigen können... Der Ursprung der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften geht auf den Bau der ersten Rheinbrücke durch den Basler Stadtherrn Bischof Heinrich von Thun im Jahr 1225 zurück. Aus der dörflichen Siedlung entstand bald eine Stadt, die durch Mauer und Graben geschützt werden musste. Sie besass eine in Gemeindeangelegenheiten selbständige Bürgerschaft mit Schultheiss, Rat und Gericht. In beruflichen Angelegenheiten mussten sich die Kleinbasler zwar den Zünften anschliessen, aber für den Wachtdienst an der Stadtmauer und den Kriegsdienst zur Verteidigung bildeten sie eigene Gesellschaften. Als 1392 der Bürgermeister und Rat der Stadt Basel die «mindere Stadt» zum Preis von 29 800 Gulden dem Bischof von Basel abkaufte, waren die Kleinbasler Gesellschaften bereits organisiert. Am frühesten erwähnt wird 1384 die Gesellschaft zur Hären. Das Wappenzeichen, die Häre, stellt ein Fanggerät dar aus Weide mit Rosshaarschlingen, das man mit Wacholder- und Vogelbeeren bestückt zum Fangen von Wachteln, Schnepfen und Drosseln an die Bäume hing. Wappenhalter und Ehrenzeichen ist der Wilde Mann. Als ursprünglicher Dämon der Fruchtbarkeit trägt er einen Efeukranz um Kopf und Lenden, der mit Äpfeln behangen ist. In der Gesellschaft zum Rebhaus vereinigten sich vor allem die Rebleute und Bauern, die zusammen die Felder, Wälder und Teiche beaufsichtigten. Wappenzeichen ist das Rebmesser, und ihr Wappenhalter ist der Leu. Der Vogel Gryff ist das Ehrenzeichen der Gesellschaft zum Greifen. Ihr gehörten vor allem jene Handwerker an, die für die Kleinbasler Klöster Klingental und Sankt Clara tätig waren; auf ihrer Fahne tragen sie daher das weisse Kreuz. Bei den jährlichen Zusammenkünften handelte es sich ursprünglich um die Waffeninspektion der militärpflichtigen Mitglieder, die ihre Rüstung vorzuführen hatten. Doch der Aufmarsch im Harnisch und mit Fahnen, angeführt von den Ehrenzeichen, artete jeweils zu einem fröhlichen Volksfest aus. 1798 setzte die Helvetik mit ihrer Staatsumwälzung der Herrlichkeit ein Ende, und die Umzüge wurden verboten. Doch schon 1802 hielten die Kleinbasler diesen Zustand nicht mehr aus. Die Rebleute zogen aus mit ihrem Leu, und es kam zu einem gefährlichen Tumult. Dank ihrer Hartnäckigkeit setzten sich die Gesellschaftsbrüder jedoch mit ihren Maskeraden durch, und es ist wohl diesem Umstand zu verdanken, dass auch die Basler Fasnacht in die neue Zeit hinübergerettet wurde. Wenn heute der Tanz um 12 Uhr auf der Mittleren Rheinbrücke vollführt ist, stehen wir erst am Anfang des grossen Festtags. Das «Spiel» macht sich auf den Weg, um die Vorgesetzten der Gesellschaft aufzusuchen und ihnen die Ehre eines Tanzes zu erweisen. Ein Besuch über Mittag gilt immer dem Basler Waisenhaus, weil der Waisenhauspfarrer Jakob Spreng 1750 sich für die Erhaltung des Brauchs vehement eingesetzt hatte. Besonders feierlich wird die Stimmung am Abend, wenn das Spiel, begleitet von Steckenlaternen, Trommlern und Pfeifern der Fasnachtsclique Olympia, gefolgt von einer riesigen Menschenmenge, durch Kleinbasels Altstadt zieht. Da weht dann schon ein Hauch von Fasnacht durch die Luft. Edith Schweizer-Völker SCHWEIZER VOLKSFESTE - DAS JAHRBUCH Mondo-Verlag AG Vevey ISBN 2-88168-594-3
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