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L’ épreuve - Die Probe von Speis und Trank
Von Ruedi
gesalzen +
gepfeffert


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Die Furcht vor vergifteten Speisen beherrschte von je her die Tafel der Reichen und Mächtigen. Bereits den frühen Hochkulturen des Orients war bekannt, dass sich eine Reihe von pflanzlichen Giften - mineralische wurden mit Ausnahme von Arsen erst relativ spät erkannt - nicht nur als Heilmittel oder :Aphrodisiaka, sondern auch zur Beseitigung missliebiger Personen eigneten. So warnt der römische Arzt Galen (129-199 n.Chr.) vor dem in grösseren Dosen lebensgefährlich wirkenden Bilsenkraut, der Mandragora, dem Schlafmohn und dem Schierling.

Auch wenn die Herrschenden seit der Antike nur vertrauenswürdiges Küchen - und Dienstpersonal beschäftigten, war nie ausgeschlossen, dass sich ein Böswilliger oder ein gedungener er Mörder unter das Hauspersonal, um Speisen und / oder Getränke zu vergiften. Aus diesem Grund verlangte beispielsweise die Hausordnung des Speyrer Bischofs Matthias von Rammung (1464 - 1478) expressis verbis, dass die Küche ständig verschlossen zu sein hatte und von keinem Fremden betreten werden durfte. Selbst Bedienstete aus der unmittelbaren Umgebung des Bischofs hatten nur Zutritt zur Küche, wenn sich der Koch darin aufhielt. In der Küche angetroffene Bedienstete waren zudem ausdrücklich nach dem Grund ihrer Anwesenheit zu befragen.

Seit dem Mittelalter besass zudem jede hochgestellte Persönlichkeit ein oftmals sehr kunstvoll verziertes - verschliessbares Behältnis für seine Tischutensilien. Dieses war mit verschiedenen Fächern versehen, in denen die oft in ein sachet de senteurs verpackte Serviette, das Salzfass und andere Behältnisse mit Gewürzen, manchmal sogar auch Brot aufbewahrt wurden.

Die aus Edelmetall gefertigten und mit Bergkristall, Perlen, Schmucksteinen und zum Teil auch Email verzierten Behältnisse besassen im späteren 15. und 16.Jahrhundert oft die Form eines detailgetreu nachgebildeten Schiffes, weswegen sich dafür die französische Bezeichnung Nef(altfranzösisch für - navire = Schiff) eingebürgert hat. Ihrer kunstvollen Ausarbeitung und oftmals imposanten Grösse wegen wurde die Nefs im Laufe des Mittelalters zum Symbol herrschaftlicher Macht schlechthin.

Eine Miniatur aus dem im frühen 15.Jahrhundert entstandenen Stundenbuch des Duc de Berry zeigt eine noch vergleichsweise einfach gearbeitete Nef. Die Darstellung verdeutlicht, dass das Tafelschiff nicht nur als Statussymbol diente, sondern auch zur Aufbewahrung der Tafel zur Aufbewahrung der Tafelutensilienutensilien.

1410/1416 - Der Herrscher bei Tisch. Ein ausgesuchter Gast -ein hoher Kleriker –sitzt mit ihm an der Tafel, der zahlreiche Hofstaat ist stehend um den Tisch gruppiert. Die zudienenden Funktionen an der Tafel des Herrschers werden von reich gekleideten Adligen wahrgenommen. Vor dem Herrscher steht ein prunkvolles Tafelschiff (NEF) mit Tischutensilien. Am Tisch zerkleinern zwei Fürschneider - der eine mit der Serviette über der Schulter- (das Servicepersonal hatte anscheinend damals schon schlechte Gewohnheiten) die Speisen (gebratene Hasen) mit grossen Messern; die Tafelnden haben kein individuelles Besteck. Die Speisen befinden sich teils in Schalen, teils auf Holzbrettchen und teils auf Zinntellern. Drei Zinnteller stehen auf Holzbrettchen als Tafelschmuck.

Bevor der Mächtige ass oder trank, wurden alle Speisen und Getränke ausnahmslos verschiedenen Tests unterworfen (l’ épreuve). Bis ins 17.Jahrhundert hinein «credenzte» (nach dem italienischen credenzare) der Vorkoster bzw der Vorschneider die verdeckt aufgetragenen Speisen und Tranksame und prüfte sie alle mit Objekten oder Ingredienzien, von denen man glaubte, dass sie die Anwesenheit von Gift anzeigen würden. Die Prüfung erfolgte mit Hilfe von (Edel-)Steinen wie Serpentin oder Achat - oder mit sogenannten Nattern- bzw. -Drachenzungen; in Tat und Wahrheit handelte es sich dabei um Haifischzähne aus fossilen Ablagerungen (Kreide, - Tertiär). Der mittelalterliche Volksglaube schrieb den Natternzungen die Eigenschaft zu, die Nähe von Gift durch Schwitzen anzuzeigen oder, in vergiftete Speisen und Getränke getaucht, das Gift zu neutralisieren.

Eine wichtige Rolle spielten ferner geschnitzte Stäbchen aus dem Geweih des sagenumwobenenen Einhorns. Die «Fälschungen» wurden aus den Zähnen - von Narwalen, zum Teil aber auch aus den Stosszähnen von Elefanten, Mammuts oder aus Hörnern des Rhinozerosses hergestellt.

Vom 13. bis in die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden diese objets à faire l' épreuve einzeln oder an Ketten hängend, wie Früchte an Bäumchen oder kleinen Büschen aus Gold oder Koralle aufgehängt.

Natternzungen – Kredenz ds. Deutschen Ordens. Der aus Koralle gefertigte Baum trägt zum Teil mit Saphiren verzierte, vergoldete Fassungen mit Haifischzähnen. Sie schützen auch das unter dem Korallenzweig angebrachte Salzfass.
Auf dieser Darstellung des Festmahl des Herodes hält die neben dem Tisch stehende Salomé einen «Languir» in der Hand; die «Natternzungen» sind hier auf einem Stiel aus Edelmetall montiert. Herodes bricht ein Stück Brot ab, das zur Durchführung der «Probe» auf die Fussschale links auf dem Tisch gelegt wird. Nach Aussage der ikonographischen Quellen und der Sachquellen dienten die kunstvoll gearbeiteten «Kredenz-Bäume» aber nicht nur dem Nachweis von Gift, sondern auch als Tafelschmuck.

Im Ancien Regime erforderten die höfischen Regeln, dass sämtliche Tischutensilien des Königs unter Verschluss gehalten wurden. Vor dem Gebrauch musste zudem jedes Utensil, d.h. Teller, Messer, aber auch Zahnstocher vom Vorkoster mit einem Stück Brot abgewischt und dieses im Beisein des Tischherrn verzehrt werden. Die Prüfung des Tischtuches, der Serviette und des Handtuches erfolgte durch Berührung mit dem Mund. Auch die Prüfung der Getränke unterlag einem streng kodifizierten Ritus. Der Mundschenk verwendete dazu einen speziell dafür bestimmten Becher und goss das Getränk erst nach dem Vorkosten in das bis zum letzten Moment mit einem Deckel verschlossene Trinkgefäss des Herrn.

Neben dem Vorkoster und dem Mundschenk spielte schliesslich auch der Hofkaplan eine wichtige Rolle an der Tafel der hochstehenden Persönlichkeiten: ihm oblag die Segnung von Speis und Trank.

Der «Mundschenk» probiert kniend den Wein der geistlichen Würdenträger an der gedeckten Tafel.