Kulturstadt Basel
«Frontside» oder
Wie die Kunst über die Stadt gekommen ist
Von Ruedi
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gepfeffert


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Auch das letzte der Transparente hängt, der Kunststationenweg durch die Stadt ist komplett: In den kommenden Wochen blicken Basels Paare und Passanten bei ihren City-Streifzügen an Museumswände. Klaus Littmann hat 21 Künstlerinnen und Künstler Grosskunst für vinylbespannte Fassaden entwerfen lassen - eine anregende «Stadtbildintervention».

Musik auf dem Wasser. Kino im Freien. Kunst in der Stadt. Basel, stark kulturkontaminiert in diesen Wochen. Es ist ordentlich was los und die Erlebnisbereitschaft ganz schön gefordert, und die Künste jetzt an ihre angestammten Reservate erinnern zu wollen, hiesse doch glatt, an der eigenen Eventtauglichkeit zu zweifeln. Also sitzen wir im Sommercafé am Strassenrand und schauen dem Kranwagen zu, wie er mit gefühlloser Zärtlichkeit das riesige Transparent an der Hauswand hochzieht.

Das schwere Gerät ist ziemlich im Einsatz gewesen, und es hat seine Arbeit gut gemacht. Leise, fast unmerklich und ohne die bullige Gestik dieser Kunst-im-öffentlichen-Raum-Auftritte, haben rund zwanzig Stadtstellen neue Fassaden bekommen. Und wer noch immer an eine werbliche Massnahme mit unbekannter Botschaft glaubt, dem sei hier an Eides statt versichert: Alle Rätsel lösen sich bei entschiedenem Kunstverdacht.

«Frontside» sagt Klaus Littmann dazu. Die Einmann-Kunstveranstaltungsagentur hat mit Eingriffen ins Weich- und Hartbild der Stadt einige Erfahrung. Im vergangenen Jahr haben die Littmann-Künstler Maurer beschäftigt, und ihre Basel-Intervention ge- schah auf Backsteinbasis: Eingepasste, fast versteckte skulpturale Zeichen, die plötzlich da und dort standen und aussahen, als ob sie schon immer da und dort gestanden hätten.

Auch in diesem Jahr hat die Gewöhnung bereits ihr Werk getan. Merkt noch jemand, dass das Botta-Halbrund am Aeschenplatz ein rechtwinkliges Pendant bekommen hat? Peter Knapps Replik am gegenüber liegenden Turmhaus scheint längst so festgewachsen, dass man sich ans originale Mauerwerk kaum mehr erinnert.

Die Hauswand als Kunstwand: Die Idee hat sich so praktikabel erwiesen wie kunstgerecht. Mit einiger Phantasie haben sich die eingeladenen Künstler ins Blow-up-Abenteuer gestürzt, und nicht einer, der nur sein Musterbuch geplündert hätte. Das gehört schon zum Standard der Littmann'schen Projekte, immer wieder mit Nachdruck dafür zu sorgen, dass die beträchtlichen Organisationsenergien nicht für kunstbetriebliche Routine vergeudet werden. Und es ist natürlich besonderer Reiz und Herausforderung, an Orten und für Orte Kunst zu entwerfen, deren Charakter so eigentümlich zwischen privat und öffentlich changiert.

Kleiner Überredungsbericht

Tatsächlich sind die Hauswände, die Littmann diesseits und jenseits des Rheins ausgeguckt hat, allesamt in Privatbesitz, und es lässt sich unschwer ermessen, wie viel Überredungseinsatz erforderlich gewesen sein mag, bis sich die Hauswandeigner in ihr Kunstschicksal gefügt haben. Schliesslich war zum Zeitpunkt der Überredung in kaum einem Fall gewiss, was die Künstler aushecken, und in keinem Fall vorauszusagen, wie sich Leben und Geschäfte hinter den Kunsttransparenten anlassen würden.

Kleiner Kunstbericht

Andererseits sind die Hauswände aber auch Citywände. Sie blicken in den Strassenraum, und von der Strasse blickt die Stadt auf sie, weshalb um ihren Anblick personalstarke Behörden besorgt sind und nicht einfach einer kommen und dem Basler Zivilisten Kunst vor die Nase hängen kann.

Nachdem nun aber auch diese Überzeugungsarbeit geleistet ist und die angepassten Planen aus Netzvinyl fest vertäut sind, darf man doch sagen, ohne dabei noch jemanden angestrengt überreden oder überzeugen zu müssen, dass nicht viele Stadtbekunstungsprogramme so anregend für Sinne und Hirne gewesen sind und sich so günstig aufs urbane Wohlbewusstsein ausgewirkt haben.

Und wer auch nur lockeren Kontakt mit der Zeitkunst unterhält und ihren mancherlei kruden Selbstbehauptungen genuin skeptisch gegenüber steht, wird doch zugestehen müssen, dass sich die Künstlerinnen und Künstler aus Littmanns Einzugsbereich mit einiger Subtilität auf die - vielen wenigstens - gänzlich fremde Stadt eingelassen haben.

Ob Jochen Gerz in allen möglichen identifizierbaren und nicht identifizierbaren Sprachen die «Menschen sprechen» lässt und uns bei jedem Gang über den Aeschenplatz im babylonischen Menschensprechdurcheinander eine andere Farbordnung suchen heisst; ob Guillaume Bijl mit der Verführungskraft des Werbeprofis zum Kauf von Dino-Eiern ermuntert (Gerbergasse 30); ob Anna und Bernhard Blume spitzmessrig und rohfleischig an die «Grausamkeit der Dinge» gemahnen (Kohlenberg 1); ob Jan Fabre mit grün schillernden Käferkulturen im einen den Freund der Gattung Coleoptera weckt und im anderen gepanzerte Phobien (Spalenberg 62); ob François Morellet die Fassade Elisabethenstrasse 62 um ein paar Grad nur, aber doch so dreht, dass einem ganz erdbebentrümmlig wird; ob Rosemarie Trockel unter dem nicht nur in der Rebgasse 10 erstaunlichen Motto «Living means to appreciate your mother nude» die völlig rebgassenunbekümmerte Plakatdarstellerin ihre Dias sortieren lässt; ob Alfonso Hüppi an bester Marktlage eine kleine Hausverschiebung vornimmt oder Karl Gerstner mit technisch mathematischem Aufwand, von dem der Renaissance-Künstler nur hat träumen können, den alten Holbein-Riss für das «Haus zum Totentanz» in die reale Architekturdimension überträgt: Jede Arbeit hat ihren Kontext, ihre situative Begründung, ist aus kleinen fotografischen oder zeichnerischen Vorlagen in den Grossmassstab übertragen worden und lässt sich nicht wie ein Galerie-Bild von einer Galerie-Wand an die andere bringen. Und die drei geheimnisvollen Augenpaare, die auf Christian Boltanskis Geheiss an der Credit-Suisse-Front wie aus einem Album ohne Datum und Namen schauen, müssten möglicherweise um ihr Geheimnis fürchten, wenn sie anderswo hingen und nicht so und nicht hier schauen dürften.

Kleiner Erfahrungsbericht

Riverside: Das war in den letzten Wochen ein rechtes Soundgemisch, dass manch einem das Hören verging. Und «Frontside»? «Frontside» ist mal lauter und mal stiller und übertönt an keiner Stelle die Stadt. Das ist durchaus zu rühmen. Und wer will, kann nun den ganzen Stationenweg gehen, den Littmann quer durch Basel angelegt hat, und hat dann mit 21 Kunsterfahrungen auch seine Stadt neu gesehen, neu erlebt. Aber es reicht auch, sich business- lunchhalber im Sommercafé niederzulassen und von Zeit zu Zeit nachzusehen, ob Peter Knapps Botta-Replik am Turmhaus inzwischen vielleicht doch festgewachsen ist.

BaZ - Von Hans-Joachim Müll


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